Deutschland, deine Ängste 

Ich bin ein Mensch, der sich meist aus politischen Diskussionen heraus hält und auch zu gesellschaftlichen Themen nicht immer gleich seine Meinung präsentiert. 
Doch manchmal geschehen Dinge, über die man schreiben und berichten muss. Gerade jetzt in der gegenwärtigen Situation, umso mehr. 

Wir sind ja vor kurzem erst umgezogen. Nun wird das Haus, in dem wir zuvor wohnten, möglicherweise als Flüchtlingsunterkunft bereitgestellt. Erzählte mir unsere ehemalige Nachbarin. Wie konkret diese Pläne genau sind, ob es überhaupt dazu kommt und in welcher Form: Weiß niemand, auch besagte Nachbarin nicht. 
Nun. Sie weiß nichts genaues, nichts konkretes, es ist bloß eine vage Idee, die im Raum steht, aber sie empört sich. Und wie sie sich empört! Dass sie dagegen ja leider nix unternehmen könne, aber sie hätte zu ihrem Mann bereits gesagt, dass sie dann einen Elektrozaun an die Grundstücksgrenze anbringen möchte, sonst könne sie keine ruhige Minute mehr verbringen. 

Und ich stand mit Kind da, hörte zu und war so fassungslos, dass ich nichts dazu sagen konnte.

Wenn das die tolle deutsche Kultur sein soll, die es aus lauter Angst vor allem, was fremd ist, zu bewahren gilt, dann bitte her mit Einflüssen aus anderen Ländern!! Was nicht heißt, dass andere Kulturen grundsätzlich bessere Vorstellungen von Normen, Moral und Menschlichkeit haben. Auch da gibt’s schwarze Schafe. Die gibt’s aber überall.

Aber es kann doch nicht ernsthaft wahr sein, dass hierzulande Menschen Angst haben, ihre ach so tollen Werte könnten verloren gehen, wenn Menschen aus anderen Ländern und Kulturen bei uns Zuflucht suchen, und um diese Werte zu wahren, die Ängste zu verbalisieren, werden einfach stumpfsinnige Parolen geschwungen und im Geiste Elektrozäune installiert, bevor überhaupt irgendetwas geschehen ist. 

Natürlich müssen in dieser ganzen Situation Regeln aufgestellt und bewahrt werden. Aber wie können wir als Gesellschaft es ernsthaft wagen, um unsere Werte, Kultur und Normen Angst zu haben, während die nationalgesinnte Dorfjugend fröhlich Unterkünfte abfackelt? Und Parolen schwingende Angstbürger Galgen neben einem Wohnheim aufstellen?  Welche Werte sind das bitte? Menschlichkeit? Nächstenliebe? 
Das Wort „Gastfreundlichkeit“ gibt es garantiert in jeder Kultur. In manchen Ländern beinhaltet dies eine Teezeremonie, ein Begrüßungsritual oder ein Gastgeschenk.
In Deutschland zündet man zur Begrüßung Wohnheime an. Und installiert Elektrozäune. 
Weil in den Köpfen so vieler Menschen eine diffuse Angst vor allem, was nicht vor ihrem stark begrenzten Horizont sichtbar Platz findet, herrscht. Und anstatt weiteren Raum zu schaffen und die geistigen Zäune abzureißen, verstärkt man sie mit Stacheldraht und zieht sich in die eigene, muffige Vorstellung von Sicherheit zurück. 

Und alle, die jetzt einwerfen: „Aber nicht in allen Ländern werden fremde Menschen freundlich aufgenommen..“ – NA UND? WIR können es trotzdem tun WIR können Menschlichkeit leben, den Maßstab dafür setzen alleine wir! Wir können gutes Beispiel sein, egal, was in anderen Gesellschaften und Kulturen geschieht. Aber bequemer ist’s natürlich, weiterhin empört mit dem wohlgenährten Arsch auf dem heimischen, warmen Sofa zu sitzen um zu sagen: „Der Nachbar räumt seinen Gehweg nicht frei, also mach ich das auch nicht!“ („Menschlichkeit zeigen? In andern Ländern gibt’s noch ne Todesstrafe, warum sollten wir Menschlichkeit zeigen?“)

Dass Menschen ernsthaft so denken, dass diese Fremdenfeindlichkeit, diese Angst, diese Feigheit und Faulheit so allgegenwärtig ist, das macht mir Angst. Mehr Angst als eine fremde Sprache, fremde Sitten und diese große Aufgabe, eine Kommunikation stattfinden zu lassen, zwischen all den Gegensätzen. 

Was mich am allermeisten mitgenommen hat, bei diesem Erlebnis, waren die Worte von meinem siebenjährigen Sohn, der später am Abend zu mir kam und meinte: „Mama…weißt du was? Wenn in unserem alten Haus jetzt Flüchtlinge wohnen sollen, zünden die das dann vorher auch wieder an? Das wäre wirklich traurig, denn dann könnten wir da nicht mal mehr zu Besuch gehen.“ 

Das sind die Dinge, die bekommen die Kinder mit. Das stimmt mich unfassbar traurig. 
Und ich hab mir fest vorgenommen: Sollte es tatsächlich dazu kommen, werde ich die Menschen, die dort Zuflucht finden, mit Kaffee und Kuchen (und meinen Kindern!) besuchen gehen. 
Und der Nachbarin freundlich lächelnd über ihren sicheren Elektrozaun hinüber zuwinken. 

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Von Menschen, Welten und den Dingen dazwischen.

Ich möchte über etwas ganz Besonderes schreiben. Über diese ganz besonderen Menschen, diese Menschen, mit denen Kommunikation und Verständnis über alle Worte hinaus geht und vielleicht fällt es deshalb so schwer, überhaupt die richtigen Worte zu finden. 
Diese Menschen, diese unfassbar wenigen (eine Handvoll nur, im ganzen Leben vielleicht.), bei denen man gar nicht erklären muss, was man denkt und fühlt, bei denen man es anfangs versucht, und bloß ein Blick, ein Wort, ein Lachen genügt und man hört diese zwei unfassbaren Worte vom Gegenüber, während man noch hilflos nach eigenen Worten ringt und darin liegt ab da eine ganz eigene Welt verborgen: „Ich weiß.“
Und genau darin liegt die Besonderheit. Sie glauben nicht nur, sie wissen. Sie bestätigen nicht nur, um einen positiven Eindruck zu machen, sie empfinden nicht nach, sie werten nicht. 
Sie wissen. 

Als ich ungefähr 13 Jahre alt war, habe ich ein Buch in die Hände bekommen, das meine Sicht auf manche Dinge in dieser Welt grundlegend veränderte. Ich las von den beiden Inseln, die am selben Ort lagen, nur durch einen Nebel und einen Atemzug eine ganz Welt weit voneinander getrennt. Versank in den Wäldern von Avalon, floh, lachte, lebte und liebte mit Morgaine, Igraine, Viviane und Raven. Fand plötzlich in diesem Buch diesen Gedanken, dass manche Seelen in diesen Welten auf tiefere Art und Weise miteinander verbunden sind, als andere. Dass diese Seelen sich auch in vielen weiteren gelebten Leben wiederfinden können. Sich erkennen werden. Und dann so sprachlos voreinander stehen, keine Worte finden und einfach wissen. Entdeckte, dass ich daran irgendwie glauben konnte, doch „Glaube“ ist in diesem Zusammenhang das absolut falsche Wort. Ich erkannte, dass ich das wusste. 
Vielleicht klingt das schräg, möglicherweise gibt es etliche Menschen, die solche Gedanken als esoterischen Unsinn abtun, aber darauf kommt es überhaupt nicht an. 
Vor etlichen Jahren, in meiner Schulzeit war ich mit meiner damaligen Klasse in England. Wir wohnten in einem berüchtigten Landschulheim, irgendwo in der Pampa. Altes, englisches Herrenhaus, behaftet mit so manch merkwürdiger Geschichte. Wir betraten damals unseren Schlafraum, ein weißer, viereckiger Raum mit einem gemauerten Vorsprung in der Mitte und kleinen Fenstern zum Hof hin, und dieses unfassbare Gefühl, diesen Ort zu kennen, überwältigte mich. Ich weiß nicht mehr, ob ich damals dort mit jemandem darüber geredet hatte. Ich wusste bloß, dass ich diesen Ort kannte, obwohl ich ihn nie zuvor im Leben (in diesem Leben?) gesehen hatte. 
Ein ähnliches Gefühl durfte ich mit ganz wenigen Menschen erleben. Mit Menschen, bei denen von Anfang an eine Verbindung hergestellt war, die sich keiner der jeweiligen Beteiligten so wirklich erklären konnte. Wie kann es sein, dass man einem Menschen gegenübersteht, möglicherweise nicht mal real, sondern erstmal über diverse Kommunikationsmittel und sofort das Gefühl hat, diesen Menschen ganz und gar zu kennen? Obwohl die Vernunft doch schreit: „Halt, Stop, ich kenne diesen Menschen nicht!“
Und irgendwo ganz tief drin bloß eine Stimme leise flüstert: „Doch.“

Hierbei gehts nicht um irgendeinen sentimentalen Quatsch und rosarote Brillen. Ganz im Gegenteil. Eher sind diese Gespräche gleich sofort so intensiv, dass man vielleicht im ersten Moment Angst davor bekommt. Eben, weil es so unerklärlich ist, was vonstatten geht. Weil es tiefer geht und auch an Themen kratzt, die man sonst eher nicht mit anderen Menschen bespricht. Weil man plötzlich keine Angst mehr hat, seine schlimmsten Ängste zu formulieren. Weil es sein kann, dass dieser Mensch dir gegenüber Ängste in dir erkennt und benennt, die du selbst noch nicht realisieren konntest. Dass es da plötzlich einen Menschen gibt, bei dem man sich traut, jeden noch so absonderlichen Gedanken auszusprechen, weil man weiß, dass derjenige sich nicht entsetzt oder schockiert abwendet, nicht beginnt, den Moralapostel zu spielen, nicht versuchen wird, dich von seiner eigenen Meinung zu überzeugen, dich dadurch nicht mit anderen Augen betrachtet, sondern wahrscheinlich nur mit diesen zwei unfassbaren Worten antworten wird: „Ich weiß.“ 

Ich weiß, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde, zwischen Zukunft und Vergangenheit gibt, die sich nicht erklären lassen und auch nicht erklären lassen müssen. Kräfte, Gedanken, Verbindungen, Freundschaften, die vielleicht Zufall, vielleicht Schicksal, aber immer eine ganz spezielle Form von Liebe sind. 
Bewusst halte ich aus diesem Gedankengang den mystischen Hintergrund, der auch in „Die Nebel von Avalon“ eine tragende Rolle spielt, heraus. Denn darüber lässt sich streiten. 
Mir geht es um die Menschen, denen man begegnet, vielleicht zum ersten Mal, vielleicht zum hundertsten Mal und dann endlich auch in diesem Leben, die immer wieder einen Weg in das eigene Leben finden, weil sie über solche Worte nicht einfach lachen, die Stirn runzeln, genervt weiter blättern oder mich als Spinner abtun. 
Nicht, weil sie glauben oder nicht glauben, nicht, weil sie ahnen oder verleugnen. 

Weil sie wissen. 

Fantasy und Frauen 

Ich habe heute eine Lektion gelernt:

Das Internet ist voller „Gefahren“, die sich niemals völlig einschätzen lassen. 
Man läuft vor allem Gefahr, aufgrund einer einzelnen Aussage binnen Sekunden komplett für etwas verurteilt zu werden, womit man nicht mal ansatzweise etwas zu schaffen hat. 
Ich twitterte heute darüber, dass ich es äußerst unpassend finde, dass George R.R. Martin immer wieder als „amerikanischer Tolkien unserer Zeit“ bezeichnet würde. Weil Game of Thrones meiner Meinung nach weder stilistisch noch inhaltlich große Gemeinsamkeiten mit Herr der Ringe aufweist, mal abgesehen davon, dass es Fantasy ist und große Schlachten und Drachen hat. 
Kurz darauf wurde ich zitiert retweetet und als „sich selbst widersprechende Feministin, die sexistische Kackscheiße hypt“ bezeichnet. 
Uff. An dieser Stelle hab ich erst mal geschluckt, etliche große Fragezeichen im Gesicht gehabt und versucht, nachzuhaken, wie es denn zu solch einer Aussage käme? 
Nun. Das Internet hat schon oft gezeigt, dass Diskussionen im Internet so sinnvoll sind wie eine Freikarte für die Deutsche Bahn an Streiktagen. Kurzum: Es gab keine sinnvolle Erklärung, bloß die allgemeine Aussage, dass Frauen, die Game of Thrones lesen, alle zu verachten sind, weil sie durch Lesen dieses Buches ihre Unterwerfung als Frau feiern und die Rolle des Mannes als sexistischen Unterdrücker anerkennen würden. 
An dieser Stelle muss ich sagen, dass ich jede Diskussion sofort abbreche, weil: völlig sinnlos! 
Da bezeichnen mich Menschen, die mich kein Stück privat kennen als Feministin. Aber ich bin keine Feministin. (Und keine frauenfeindliche Tussi. Was auch echt albern wäre!) Weder eine, die sich widerspricht, noch eine, die ihre Unterdrückung feiert. Das war ich nie und das möchte ich in dieser Form niemals sein, denn ich sehe mich selbst nicht als unterdrücktes Opfer einer patriarchalischen Gesellschaft an. 
Natürlich gibt es Dinge, die man ändern sollte. Und auch muss. Natürlich werden Frauen ungerecht behandelt, in vielerlei Dingen. Natürlich gibt es viele Menschen mit Vorurteilen und andere, die unter diesen Vorurteilen leiden, nur aufgrund von Ansichten, Geschlecht und sexueller Orientierungen. Und das ist schlimm. Diese Meinung teile ich und daraus habe ich nie einen Hehl gemacht. Genauso wenig verurteile ich Menschen aufgrund dieser Dinge. 
Dass man dann aber selbst von Menschen, die an allen Fronten gegen Vorverurteilung kämpfen, selbst verurteilt wird, weil man ein Buch liest (EIN FANTASY-BUCH! EINE VÖLLIG FIKTIVE GESCHICHTE!!) und einen Vergleich zwischen Autoren anstellt, erschließt sich mir nicht. 
Nicht nur das. Es macht mich sauer und wütend und traurig. Denn so wird eine eigentlich gute Sache wieder ins Extreme gezogen und fordert selbst wieder Opfer ein. Wie kann man gegen Verurteilung kämpfen und andere Menschen aufgrund eines einzelnen Satzes dermaßen verurteilen? Wo bleibt da die Reflexion des eigenen Verhaltens? Wo die Vorbildfunktion? Widerspricht man damit nicht seiner eigenen Botschaft? 
Ich persönlich bin gegen Vorurteile. Ich bin gegen Hetze. Ich bin gegen Diskriminierung, egal welcher Art. Ich bin gegen Gewalt. Ich bin gegen Frauenfeindlichkeit. Ich bin aber auch gegen extreme Meinungen und radikale Verbreitung dieser Meinungen. Egal in welchem Bereich. Es ist nie eine Lösung, nur noch in eine Richtung zu denken und dabei völlig aus den Augen zu verlieren, dass man durch diese Denkweise genau so andere Menschen verurteilt und verletzt, wie man selbst vielleicht verurteilt oder verletzt wurde. 
Es ist niemals eine Lösung, diejenigen Menschen niederzubrennen, die sich weigern, die Paläste, gegen die man selbst kämpft, anzuzünden. 
SO gewinnt man nichts. Keine Gleichberechtigung. Keine bessere Welt. Man verlagert nur die Gewichtung. 
Von einem Vorurteil aufs nächste. Dann sind es nicht mehr die Frauen, die beschimpft und unterdrückt werden, sondern die, die diesen Kampf gegen diese Unterdrückung nicht bis aufs Äußerste mitfechten. 
Die, die nur ein gutes Fantasybuch lesen wollten. Weil sie Fantasy mögen. Und Mittelalterromane. Auch die, in denen Frauen mal als „Hure“ bezeichnet werden. Weil’s auch ziemlich absurd wäre, eine sehr patriarchalische Gesellschaft des Mittelalters (an die bekanntermaßen ja auch die Darstellung der Gesellschaft in Fantasyromanen angelehnt werden) als frauenfreundlich darzustellen. Das war diese Gesellschaft nunmal eben nicht! Es macht mich aber nicht zu einem moralisch schlechteren Menschen, wenn ich solche Bücher gerne lese. Genauso wenig verbreite ich automatisch nationalsozialistisches Gedankengut nach dem Lesen eines Geschichtsbuches. 
Ich bin auch Frau. Und fühle mich durch solche Bücher nicht angegriffen. 
Vielleicht liegt der Weg zu einer besseren Gesellschaft genau darin, zu lernen, solche Dinge besser voneinander zu differenzieren. 

Ein goldener Käfig voller Scheiße

Der Versuch einer Selbsterklärung.

„DU hast Depressionen? Du bist doch so ein lebensfreudiger Mensch! Du hast doch alles, was das Herz begehrt, zwei wunderbare Kinder, bist verheiratet, lebst in einem kleinen Häuschen mit einem hübschen Garten!“

Ja.
Ich BIN ein lebensfroher Mensch. Ich bin sehr froh, darum, zu leben. Ich weiß, was es heißt, bloß zu existieren. Darum bin ich froh, leben zu können. Und trotzdem kämpfe ich immer wieder gegen die dunklen Dämonen, die sich lautlos anschleichen und hinterrücks anfallen, die drohen, dich zu ersticken, wenn du gerade tief durchatmen willst.

Ich kämpfe nicht täglich dagegen. Es gibt gute Zeiten. Und es gibt schwierige Zeiten. Ich kenne meine Geschichte, ich weiß, woher meine Ängste kommen. Ich weiß, was ich alles durchgemacht habe, durchmachen MUSSTE, denn man hat in diesem Leben eben nicht immer eine PostkartemitSonnenstrahlundBlümchenSinnspruchWahl. Man ist nicht immer seines eigenen Glückes Schmied, man wird in Situationen unfreiwillig gedrängt, man bekommt Verantwortungen aufgelastet, die man nicht alleine tragen sollte und nicht kann. Und trotzdem muss, und wenn dieses MUSS im Leben entsteht, kommt irgendwann zwangsläufig der Zeitpunkt, an dem man nicht mehr KANN.

Ich entspreche vermutlich nicht dem klassischen (Vorstellung der Gesellschaft!) Bild einer depressiven Person. Ich hatte niemals Suizidgedanken und werde die niemals haben (davor hätte ich viel zu große Angst, absurderweise!), ich ritze nicht, ich suche keine Ablenkung in Drogen, ich habe keine offizielle ärztliche Diagnose bekommen und bin kein Opfer von Gewalt oder eines einschneidenden, traumatischen Erlebnisses. (Wobei.)

Ich weiß nicht, welchen Namen man diesem Gespenst wirklich geben soll, denn es ist ein Gespenst. Es kommt unerwartet, es ist unberechenbar. Es gibt viele gute Tage, es gibt Freude, es gibt Lachen. Und es diese Tage, an denen man wie gelähmt durch den Tag läuft und nicht die Kraft aufbringen kann, wenigstens den Alltag geregelt über die Bühne zu bringen. Diese Tage, an denen man mit stumpfem Blick in den Spiegel starrt und sich selbst nicht mehr erkennen kann. Diese Tage, in denen sich jede Stunde, die man „vergeudet“ wie eine bleischwere Kette immer enger um deine Kehle legt, bis man das Gefühl hat, zu ersticken.

Ich erlebte eine behütete Kindheit, würden andere sagen. Überbehütet trifft es vermutlich besser. In Watte eingepackt, ständig umhüllt von der Angst meiner Mutter, die Welt könnte schlecht zu mir sein.
Ein goldener Käfig, darin ich, der kleine schillernde Lieblingsvogel.

Manchmal stand die Käfigtür offen. Ich flog nicht, obwohl ich wollte. Aber ich konnte nicht, denn ich hatte niemals gelernt, wie man fliegt.

Ich versuchte irgendwann aus der behüteten Kindheit auszubrechen, die üblichen Erlebnisse. Alkohol, finster aussehende Freunde, böse Musik, zerrissene Netzstrumpfhosen. Jetzt war ich kein Lieblingsvogel mehr, man schämte sich für mich. Was sollen denn die Leute denken?
(Genau. Nicht über mich. Sondern über die, die mich ja ganz anders erzogen haben!)

Ich passte nie ins Bild. Ich durfte niemals so sein, wie ich war. Ich sollte immer so sein, wie es den Erwartungen entsprach. Lieb, brav, freundlich, fleißig. Ich fühlte mich nirgends akzeptiert. Nicht an dem Ort, den man Zuhause nennen sollte. Nicht in der Schule. Nicht in anderen Gruppen. Mein Selbstbewusstsein war sowas von nicht vorhanden, dass ich noch bis vor ein paar Jahren dachte, der hässlichste und unbeliebteste Mensch überhaupt zu sein. Ein wenig Halt fand ich in Randgruppen, in einigen Freundschaften, mit Menschen, die genau so am Rande standen. Echtes Verständnis fand ich in Musik, in Worten, Gedichten, Geschichten.

Meine Kette wurde kurz gehalten. Als andere abends ins Kino durften oder bis 12 Uhr in die Stadt gehen konnten, war ich immer diejenige, die schon garnicht mehr gefragt wurde, weil ich ja sowieso nicht durfte.

Wenn ich in die Welt schnuppern durfte, schwebte über allen Versuchen, eigene Erfahrungen zu machen, diese Mischung aus Androhungen, Panikmache und Kontrolle.

Ich fing an zu lügen, um mir selbst einen Raum zu bieten. Ich wollte Grenzen überschreiten und hatte dann doch schon zuviel Angst, mein Leben lang aufgesaugt, quasi mit der Muttermilch.

Als ich dann endlich alt genug war, meine eigenen Wege zu gehen, war ich zum einen nicht in der Lage, weil das Ziel der Erziehung, die ich genossen habe, nicht in eine Form von Selbstständigkeit und Unabhängigkeit mündete, sondern mir bloß ein vages Bild bescherte, von dem, was ich sein möchte und was sein könnte. Da war kein KANN, da war immer nur „würde, könnte, hätte, vielleicht“ und jede Menge „aber“. Man traute mir niemals zu, man sorgte sich immer nur.

Und gleichzeitig lastete man mir eine Form der Verantwortung auf, die kein Kind und kein Heranwachsender je tragen sollte.

Erst war es „bloß“ diese Erwartungshaltung. „Wir tun doch alles für dich, warum kannst du dann nicht so sein, wie wir dich gerne hätten?“

Später kamen dann handfeste Verantwortungen hinzu. Als ich ca. 16 Jahre alt war, litt meine Mutter unter schweren Depressionen und Angstzuständen. Das begann Jahre zuvor schon, aber die Jahre zwischen meinem 16. und 20. Lebensjahr wurden zur tatsächlichen Hölle.

Zu der Zeit, in der andere junge Menschen ihre beginnende Unabhängigkeit feiern, voller Freude neue Erfahrungen machen, leben, sich verlieben und Pläne schmieden, verbrachte ich einen Großteil meiner Zeit damit, an einem Krankenbett zu sitzen, denn diese Depression endete in einem (nie anerkannten) Pflegefall.

Andere Mädels schminkten sich, um Kerle zu erobern. Ich leerte Bettpfannen.

In den wenigen Stunden, die nur mir allein gehörten (Schule, Musikverein, am Wochenende auch mal ausgehen) bekam ich bloß zu spüren, irgendwie niemals dazu zu gehören. Freunde entfernten sich. Man konnte mit mir nicht planen, jede Aktivität setzte stundenlange Diskussionen voraus, setzte ich meinen Willen einfach durch, bekam ich jahrelang später noch zu hören: „Als es mir schlecht ging, bist du lieber in die Kneipe zu deinen Freunden gefahren!“

Ich wurde Pflegerin, schmiss den Haushalt, hielt Händchen und war zeitgleich Seelsorgerin und Psychiaterin. Versuchte, Hilfe zu finden. Versuchte, Arztbesuche zu organisieren. War Begleitung zu Terminen, wusste, was ich zu tun hatte, wenn mal wieder ein Zusammenbruch war…besorgte Medikamente und suchte nach Lösungsansätzen, die grundsätzlich abgeschmettert wurden.

Heute kann ich diese Ohnmacht von anderer Seite aus auch nachvollziehen.

Die Hilflosigkeit verzeihe ich auch, aber niemals die Vorwürfe.

Ich suchte Auswege. Hatte eine Lehrstelle gefunden, wollte nach der Schule raus.

Dann wurde ich ungeplant schwanger und sitzen gelassen. Und somit weiterhin an meine Kette gebunden, denn wo geht man hin, wenn man nicht weiß, wie alles weiter gehen soll?

Ich machte mein Abitur mit einer wirklich passablen Note, kämpfte zeitgleich mit der Übelkeit der frühen Schwangerschaft. Behielt die Lehrstelle, verschob den Lehrbeginn um ein ganzes Jahr. Merkte in dieser Zeit deutlich, wer wirklich Freund war und wer mit der Situation überfordert war. Eine Schwangerschaft ist so eine sensible Sache. Man möchte sie teilen, mit einem Partner. Man möchte glücklich sein. Ich freute mich auf mein Kind, aber glücklich war ich wohl nicht. Ich war gerade erst zwanzig! Wollte eigentlich endlich raus, mein Leben leben.

Stattdessen wälzte ich Kataloge mit Erstausstattung und fühlte mich unendlich einsam.

Ich bekam mein Kind ohne Partner an meiner Seite, der meine Hand hält. War glücklicherweise nicht alleine, sondern hatte herzensgute Menschen um mich herum (die in dieser Zeit ganz wundervolle Stützen waren. Und heute noch sind! Darüber bin ich sehr froh!), die mir das Gefühl geben konnten, nicht völlig verloren zu sein.

Doch da war immer noch die kranke Mutter. Und die einzige Option, damals meine Lehrstelle aufzunehmen, bestand darin, ihr die Betreuung meines Kindes zu überlassen, ab dem achten Monat.
Diese Tatsache macht mir noch heute schwer zu schaffen. Jeder Tag war von Angst begleitet, eigentlich kann ich mir diesen Fehler bis heute nicht verzeihen, auch wenn ich weiß, dass ich damals keine große Wahl hatte.

In der Ausbildung dann, Lichtblicke. Ich lernte meinen Mann kennen, wir heirateten, bekamen ein zweites Kind, er adoptierte meinen Sohn und wir zogen nach Karlsruhe.

In diesen Jahren begann ich zu leben. Und heute bin ich wesentlich weiter als noch vor fünf Jahren.

Aber diese Erfahrungen prägen so sehr. Sie hinterlassen graue Schlieren auf einem bunten Bild, die man versucht, zu übertünchen, die aber je nach Lichteinfall immer wieder grau durchschimmern werden.

Und egal, wie sehr man sich auch schwört, niemals solche Fehler zu machen, hat man jahrelang ja doch das aufgesaugt, was man vorgelebt bekommen hat. Das ist vielleicht der härteste Kampf in dieser Sache. Jeden Tag aufs Neue sich seiner Dämonen zu stellen und einen Weg zu finden, dass sich solche Geschichten nicht mehr wiederholen.

Ich kann bereits heute sagen, dass ich meine Kinder in vielen Dingen ganz andere Werte mitgebe. Ich muss sie nicht überwachen. Ich lasse sie absichtlich ihre eigenen Erfahrungen machen, auch wenn es mich schier zur Verzweiflung bringt. Ich sperre sie nicht ein, ich verhätschele sie nicht. Die Früchte dieses Kampfes mit mir selbst sieht man bereits heute. Und trotzdem gibt es Dinge, die mich immer wieder zweifeln lassen.
Trotzdem gibt es diese Tage, an denen genügt nur ein winziger Satz, der mit mir eventuell gar nichts zu tun hat, um mich wieder in akute Selbstzweifel zu stürzen. Dann steht die Welt still, dreht sich nicht mehr, alles liegt hinter grauen Schleiern, ich spüre mich und meine Konturen nicht mehr, traue mir selbst nicht über den Weg und blocke all die Menschen ab, die mir vielleicht sogar helfen wollen, aus Angst davor, verletzt zu werden. Zweifle alles an, selbst die beste Freundschaft. Nehme jedes noch so kleine Wort auseinander, solange bis ich darin vielleicht Bestätigung für meine Zweifel finde. Dann bin ich graue Maus, dann bin ich wieder das kleine, hässliche Mädchen, das in der Grundschule von allen wegen seiner großen Nase verarscht wurde. Dann sehe ich um mich herum tausendundeine Person, die allesamt wertvoller sind als ich und setze mir selbst schon das Limit hin zu erwartenden Enttäuschungen, weil mich früher oder später all die Menschen, die mir wichtig sind, sowieso fallen lassen werden. Denn ich bin dick, doof, hässlich und scheiße, (wer sollte mich auch schon mögen?) und in solchen Momenten hilft es manchmal auch kaum, das Gegenteil gesagt zu bekommen.

Diese Tage werden seltener. Aber sie werden vermutlich niemals verschwinden. Ich mag mich heute, meistens. Ich nehme mich selbst positiv wahr, ich weiß, welche Wirkung ich erzielen kann und wo meine Stärken liegen. Ich verstecke mich nicht mehr in meinem Schneckenhaus, trage es aber noch bei mir, um mich bei Bedarf darin zurückziehen zu können.

Ich bin nach wie vor ziemlich oft auf mich alleine gestellt, ich trage mein Päckchen. Ich schwanke ständig zwischen der Vorstellung, ein bestimmtes Bild erfüllen zu müssen, um eine gute Mutter zu sein und dem Gedanken: „Fuck off!!! Ich mach das draus, was ich kann.“

Aus beruflichen Gründen mussten wir erneut umziehen, wohnen jetzt in einer mir völlig unbekannten Gegend, einem kleinen Ort, in dem ich mich auch nach einem Jahr nicht besonders wohl fühle. Ich versuche, Anschluss zu finden, aber es ist wahnsinnig schwer. Bekomme gut gemeinte Ratschläge von wegen: Dann ändere was! Zieh wieder um! Notfalls alleine! Du alleine bestimmst den Weg!

Ich weiß, dass diese Ratschläge bloß gut gemeint sind. Es ist gut möglich, dass das ein Weg wäre. Wenn es hierbei nur um mich alleine ginge. Ein Weg, der die Kinder wieder ins Ungewisse stürzt. Der keine Entscheidung für die Familie wäre. Der neue Anstrengungen mit sich bringt, die ich gerade nicht tragen kann. Ein Weg, der definitiv auch nicht die Lösung meines Problems wäre.

Schon alleine der Gedanke daran, wieviel Aufwand das mit sich bringen würde, überfordert mich!
Manche sagen: „Man muss auch mal egoistisch sein!“

Aber als Mutter ist man nicht egoistisch. Man denkt immer als großes Ganzes. Man trifft keine Entscheidung mehr für sich alleine.

All das kostet wahnsinnige Kraft. Kraft, die ich nicht habe, weil ich jahrelang über so viele Grenzen gehen musste. Kraft, die ich dringend mal tanken müsste. Freiraum, nur für mich, den ich im
Leben noch nie hatte. Da sind keine Reserven, da lebt man praktisch von der Hand in den Mund. Und dann sitzt man irgendwann da, kann bloß noch schreien: „Ich kann nicht mehr!“ und bekommt als Antwort bloß: „Ja, du musst aber.“

Und man muss. Und macht. Und kämpft. Jeden einzelnen Tag. Mal schlechter, mal besser. Möchte Hilfe. Hat aber nicht genügend Energie, sich die Hilfe auch zu suchen. Kämpft gegen Schatten, gegen dumme Sprüche, gegen blöde Ratschläge und gegen Vorwürfe.

Und am meisten kämpft man dabei gegen sich selbst, obwohl man sich eigentlich an die Hand nehmen sollte, mit ganz viel Zeit, Mut, Rücksicht, Verständnis und Liebe.

Denn man tut nicht nur so. Man ist nicht faul. Nicht blöd. Und man stellt sich auch nicht an. Egal, in welcher Form sich dieses Gespenst „Depression“ zeigt. Ob als jahrelange Krankheit, oder depressive Episode. Ob in Angstzuständen oder Zwangsstörungen.

Ob bei dir oder bei mir.

#notjustsad

Der Clown mit den traurigen Augen.

Oftmals sind es doch wieder Lieder und Textzeilen, die genau das auszudrücken vermögen, was man selbst nicht in Worte fassen kann.

 

„Die grüne Pluderhose,
rote Haare, bunter Hut,
gehör´n zu der Fassade,
zu der Mauer die er zieht.
Stein um Stein um sich herum
kein Blick sie je durchdringt.
Wer will schon wissen ob ein Clown
auch nach der Show noch singt?“

 

(Schandmaul – Der Clown)

http://www.youtube.com/watch?v=QAb9obXQdcs

 

Vielleicht sind das die besten Zeilen, die ich zum Thema „Depression“ jemals gelesen habe. Möglicherweise ist das aber auch völlig egal, denn wer bewertet schon, was gut und was schlecht ist?

„Wer will schon wissen, ob ein Clown auch nach der Show noch singt?“

So sind wir Menschen. Bewundern die einzigartigen Persönlichkeiten, die es schaffen, uns mit ihren Worten, Liedern, schauspielerischen Künsten und anderen Fähigkeiten unsere eigene kleine, oftmals erdrückende Welt und unsere Probleme vergessen lassen.

Und dabei vergessen wir alles andere, auch den Blick hinter die Kulissen. Und sind dann entsetzt und vor den Kopf gestossen, wenn solche Menschen selbst keinen Ausweg mehr sehen und im letzten Akt den Vorhang fallen lassen, woraufhin all das zum Vorschein kommt, was zuvor sorgsam hinter Masken verborgen wurde.

Kein Applaus im Theater Leben, abseits der Bühne. Bestürzte Standing Ovations für einen Augenblick und all die Fragen, warum es soweit kommen musste. Und dabei stelle ich mir immer wieder die Frage, ob wir eigentlich den Menschen an sich betrauern oder bloß die nun bröckelnde Fassade der heilen Welt, die uns nicht mal mehr in Film und Fernsehen erhalten bleibt.

Denn wir verschließen lieber die Augen. Schauen weg, leben aneinander vorbei und stellen uns auch selbst auf diese Bühnen, mit Masken und Fassaden, hübschen Kostümen und schillernden Lebensentwürfen.

Möglicherweise ist Depression mittlerweile als Krankheit einigermaßen ins Bild der Gesellschaft gerückt, was auch höchste Zeit wurde. Aber noch immer ist es ein Makel. Ein Schandfleck auf dem hübschen Bild des persönlichen Lebensentwurfes. Etwas, das man lieber verschweigt, überdeckt, versucht, mit allen Mitteln auszulöschen. Wäre ja peinlich, wenn man damit gesehen würde!

Bloß funktioniert diese Sache genau so wenig, als würde man versuchen, eine blutende Wunde mit einem hübschen Stück Stoff zu verdecken….solange man nicht die Ursache behandelt, werden sich die Symptome ihren Weg bahnen, ganz ohne Rücksicht auf Verluste.

Und eine Depression ist kein Kratzer und kein Beinbruch. Nichts, das nach einem festgelegten Plan therapierbar ist. Kein Husten, den man mit dem passenden Medikament in den Griff bekommen kann.

Eine Depression ist so individuell wie das jeweilige Leben der betreffenden Person. Verläuft auf so unterschiedliche Art und Weise, zeigt sich in so vielen unterschiedlichen Facetten. Hängt an all diesen persönlichen Erfahrungen, die ein jeder im Laufe des Lebens machen durfte und oftmals musste. Negative Erlebnisse, schwierige Bindungen, zu wenig Aufmerksamkeit, übermäßige Liebe, Ruhm, Überforderung, Überarbeitung, Perspektivlosigkeit, Angst, Kontrolle, Hass, Gewalt, Trauer, Schmerz. Auf allen Ebenen. Unbewusste und bewusste Erfahrungen. Ein Zusammenspiel all unserer Erlebnisse, Beziehungen und Erfahrungen.

Und dann stehen wir alle da und sind hilflos. Die Menschen, die durch diese Dunkelheit gehen und die Menschen rundherum, die vielleicht sogar sehen und erkennen, helfen und beistehen wollen, aber keinen Weg mehr durch all die aufgebauten Mauern finden.

Wer Glück hat, findet in einer solchen Situation Menschen um sich herum, die sogar Verständnis zeigen, die ähnliches erlebt haben und zumindest nicht verurteilen. Die ihre Hilfe anbieten, auch wenn sie keine Worte finden können.

Wer Pech hat, erntet mitleidige Blicke. Hohle Worte. Leere Phrasen. Unverständnis. Ungeduld.

„Stell dich nicht so an, es könnte dir viel schlechter gehen. Sei froh, dass dein Körper gesund ist!“ (Ist er nicht.)

„Aber anstatt dir Hilfe zu suchen, leidest du nur vor dich hin und suhlst dich in deinem Selbstmitleid!“ (Nicht ist schlimmer, als dieses Gefühl, keinen weiteren Schritt mehr gehen zu können. Dieses Gefühl, dass keine weitere Kraft mehr mobilisiert werden kann und einfachste Alltagsaufgaben zur Riesenlast werden.)

„Heutzutage hat doch jeder ne Depression und keine Lust mehr, zu arbeiten.“

„Du, depressiv? Warum? Du hast doch alles, was das Herz begehrt! Ich wäre glücklich, wenn ich all das erreicht hätte!“

Wenn ich solche Worte lese, verwundert es mich schon gar nicht mehr, dass die Menschen lieber schweigen, denn von einem wahren Verständnis von seiten der Gesellschaft sind wir weit entfernt. Depressionen sind nicht berechenbar und das macht den meisten Menschen Angst. In all unseren geliebten Normen und Werten findet eine solche Unberechenbarkeit keinen Platz und wir verschließen lieber weiter die Augen und  malen all die Fassaden noch hübsch an, damit bloß niemand in die Fenster schaut, hinter denen man die Scherbenhaufen sehen könnte. Und die Betroffenen schweigen, sind sich selbst so sehr Last, dass sie niemand anderem zur Last fallen wollen und schließen die Türen zu. Manchmal für immer. Mit einem lauten Knall, den jeder hören kann und dann stehen alle da und schauen sich bestürzt an.

 

Vielleicht schaffen wir es ja irgendwann, damit aufzuhören, Menschen zu bewerten und unrealistische Ideale aufrecht zu erhalten. Vielleicht schaffen wir es irgendwann, jeden Menschen als wertvoll zu betrachten und einen Menschen nicht mehr abzuwerten, wenn er die Anforderungen, die die Gesellschaft gemeinhin stellt, nicht erfüllen kann. Vielleicht schaffen wir es irgendwann, nicht mehr der Erfüllung irgendwelcher Normen hinterherzurennen, die wir uns selbst gar nicht auferlegt haben.

 

Vielleicht legen wir irgendwann unsere Masken ab in diesem Theater und sind einfach nur wir selbst. Und menschlich. Es wäre an der Zeit.

 

 

 

 

 

Ein Jahr

Wie gerne würde ich über das vergangene Jahr schreiben.

Aber Worte würden den Erlebnissen und Begegnungen nicht annähernd gerecht werden.

Manche Erlebnisse waren einschneidend und schwierig, so manch überraschende Wendung hat den Blick auf völlig neue Wege frei gegeben. Nicht jeder Weg hat mir Mut gemacht. Mancher Weg liegt noch im Dunkel, und ich suche nach Lichtern hinter der nächsten Kurve.

Viele Begegnungen aber waren ganz wunderbar, voller Lachen und dem ganz herrlichen Gefühl, Willkommen zu sein.

Freundschaften konnten knospen, wachsen und Wurzeln schlagen.

Einige wenige dieser Begegnungen waren so besonders, dass sie nicht waren, sondern sind. Für die Zeit, die noch kommen wird. So unbeschreiblich, dass jedes weitere Wort an dieser Stelle völlig fehl am Platz wäre.

Ich kann bloß Danke sagen.
Für alles.

Dir und dir. Und dir sowieso. Und euch. Ihr wisst schon.

Kommt gut ins neue Jahr! ❤

Wie das Schreiben mir.

 

Es war nur ein kleiner Gedanke, der mich eben folgende Zeilen twittern ließ:

 

„Was wird eigentlich aus Heimweh, wenn man nicht weiß, wo man zu Hause ist?“

Eine dieser vielen Fragen, die in kühlen, stürmischen Herbstnächten entstehen können. Leichte Melancholie, die weder schlimm, noch schmerzhaft sondern eher kreativ und tiefsinnig ist.

Die Antwort, die ich darauf von einem ebenfalls schreibendem und lyrikbegeistertem Twitterer, dem @mikelbower bekam, machte mich kurz sprachlos und war zugleich die Antwort, die ich selbst auf meine eigene Frage suchte:

„Es ankert an Gedichten!“

 

Und ich kann nur sagen, dass darin eine Wahrheit steckt, die vielleicht nur die Menschen verstehen können, die selbst schreiben oder sich in anderen Formen kreativ ausleben.

Es ist diese tiefere Sehnsucht, dieses unerklärbare Dunkel, die tiefe Melancholie und die Liebe zu Nachtgedanken, die all die Geschichten und Worte erst lebendig macht. Die den Wunsch weckt, den Gedanken eine Form zu schenken, durch Buchstaben, Umschreibungen und Sinnbilder.

Und mit jedem Gedicht wird zugleich ein Stück Sehnsucht sichtbar, erklärt sich dem Schreiber und den Lesern ein wenig und weckt neue Gefühle, ruft auf zu neuen Ufern, wühlt Meer und Wind und Gedanken ins Haar, treibt uns ins Dunkel, auf der Suche nach Lichtern, die uns führen. 

 

Schreiben ist Suchen und Finden, Fortgehen und Ankommen zugleich. Sich selbst und andere. Lässt uns schwindeln und ankern in unerwarteten Böden. Und es ist schon viele Jahre her, dass ich diese Worte lesen durfte, die auch ein anderer schrieb und die bis heute in einem Bilderrahmen in meinem Hausflur für jeden sichtbar meine absolute Leidenschaft zeigen, die mich zusammen mit vielen anderen Aspekten zu dem macht, was ich bin.

 

 

Steilküste

 

Noch dort wo

Unbewohnbarkeit ins Meer stürzt

wächst ein Baum

 

Seine Schwindelfreiheit wurzelt

im Fels dieser unerwarteten Erde

 

Wie das Schreiben

mir

 

 

(Markus Haupt)